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Ist die Szene wirklich inklusiv? Wie FLINTA*-Acts noch heute vernachlässigt werden

Man könnte meinen, dass eine Szene, die sich aus dem Widerstand gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und marginalisierten Gruppen entwickelt hat, für Inklusivität und Diversität stehen würde. Dennoch werden FLINTA*-Personen bis heute immer wieder vernachlässigt, übersehen und nicht ausreichend respektiert. Die Diskussion darüber ist keineswegs neu, hat jedoch zuletzt durch eine Welle von FLINTA*-Künstler:innen aus Deu…

Ist die Szene wirklich inklusiv? Wie FLINTA*-Acts noch heute vernachlässigt werden / Foto: Lola Schmalbuch

Man könnte meinen, dass eine Szene, die sich aus dem Widerstand gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und marginalisierten Gruppen entwickelt hat, für Inklusivität und Diversität stehen würde. Dennoch werden FLINTA*-Personen bis heute immer wieder vernachlässigt, übersehen und nicht ausreichend respektiert. Die Diskussion darüber ist keineswegs neu, hat jedoch zuletzt durch eine Welle von FLINTA*-Künstler:innen aus Deutschland erneut an Aufmerksamkeit gewonnen.

Dies ist der erste Teil unserer Reportage zu diesem Thema. In zwei weiteren Texten beschäftigen wir uns mit All-Male-Line-ups, Quoten-Booking und der Frage, ob Diversität manchmal nur als Schutz vor öffentlicher Kritik dient. Außerdem beleuchten wir die mangelnde Berücksichtigung von BIPoC-Perspektiven sowie die Erfahrungen von FLINTA*-Booker:innen.

„Mein Gefühl ist, männliche Booker interessieren sich generell nicht so doll für FLINTA*-DJs oder -Producer. Ich würde behaupten, viele männliche Booker machen es sich leicht, indem sie DJs buchen, die sie eh schon kennen. Dann heißt es, es würde nicht genug FLINTA*-DJs geben, die diese Qualität bedienen“, sagt Redfocks, Gründerin von Sluthouse Sunday. Gemeinsam mit Lizzle brachte sie das Thema durch die Veröffentlichung einer Sprachnachricht ins Rollen und löste damit eine Diskussion über den Umgang mit FLINTA*-Künstler:innen in der Szene aus.

Wir haben weitere Artists und Booker:innen nach ihren Perspektiven gefragt und wollten wissen, wie sie den Umgang mit männlichen Bookern erleben. Mit dabei sind Lizzle, Redfocks, paaradoxx, Maruhni, Groovher, Sandilé, medea, Philo, Gîn Bali, BAMINA, Romi, Rina Cremer, Allerbestefreundin, skathi und Miezibub. Sie teilten unterschiedliche Perspektiven und persönliche Erfahrungen, die verdeutlichen, dass FLINTA*-Personen in der elektronischen Musikszene noch immer mit strukturellen Hürden und mangelnder Sichtbarkeit konfrontiert sind.

Wer nur aus dem eigenen Netzwerk bucht, übersieht viele Artists:

Lizzle beschreibt ein grundlegendes Problem: „Die Szene war und ist stark männlich geprägt, es gibt schlicht ein riesiges Überangebot an männlichen DJs. Dadurch kommen auch Booker, die offen wären, kaum mit FLINTA*-DJs in Berührung. Wer nur aus dem Pool auswählt, den er kennt, bucht am Ende auch fast nur Männer.“ Die UK-Garage-Künstlerin ist durch Shows auf bekannten Plattformen wie HÖR sowie durch Gigs in zahlreichen Clubs bekannt, zuletzt auch im Kölner Fi. Sie spricht damit ein Problem an, das sich in vielen Line-ups widerspiegelt: Immer wieder dominieren männliche DJs die Programme, teilweise bestehen Veranstaltungen sogar ausschließlich aus Männern.

Gerade heute, wo die Suche nach Künstler:innen durch das Internet und soziale Medien deutlich einfacher ist als früher, sollte es möglich sein, mehr Diversität ins Booking zu bringen. Dennoch werden häufig Ausreden wie „Ich kenne einfach mehr männliche DJs“ oder „Es ist schwer, passende FLINTA*-DJs zu finden“ angeführt. Viele Künstler:innen empfinden solche Aussagen als frustrierend und faul. Neue Acts zu entdecken, erfordert vor allem Zeit und die Bereitschaft, sich aktiv mit unterschiedlichen Acts und Genres auseinanderzusetzen. Wer sich diese Mühe nicht macht, verschenkt das Potenzial, vielfältigere Line-ups zusammenzustellen.

Kurationshilfe ist Arbeit – und sollte auch so behandelt werden:

„Klar passiert es mir sehr oft, dass ich Nachrichten bezüglich Kurationshilfe bekomme. Aber ich mach das voll gern!!! Für Geld. It’s like … a job, you know? For money. Ich glaube, wir müssen auch aufhören, die Recherche und Netzwerke von marginalisierten Personen als frei verfügbare Community Resource zu behandeln. Wenn ich dir dein halbes Line-up kuratiere, habe ich gerade gearbeitet. Wenn du das nicht so siehst, ok byeee NEXT!“, erzählt uns Gîn Bali, bekannt als Mitgründerin der YAYA Crew, über das Thema Kurationshilfe.

Und ganz unrecht hat sie damit nicht. Immer wieder werden Künstler:innen von männlichen Bookern gefragt, ob sie FLINTA*-Acts empfehlen oder Kontakte vermitteln könnten. Dabei stellt sich die Frage, warum sie die Recherchearbeit anderer übernehmen sollten – insbesondere dann, wenn diese Leistung weder bezahlt noch anderweitig ausgeglichen wird.

Statt gemeinsam Verantwortung für vielfältigere Line-ups zu übernehmen, wird die Aufgabe häufig an jene Personen weitergegeben, die ohnehin schon mit strukturellen Hürden zu kämpfen haben. Von Booker:innen sollte jedoch erwartet werden können, dass sie sich selbst informieren, neue Netzwerke aufbauen und sich aktiv mit unterschiedlichen Künstler:innen auseinandersetzen.

Foto: Lola Schmalbuch

Auch skathi, die unter anderem durch Projekte wie FLINTA*TUNES bekannt ist, verdeutlicht diesen Punkt: „Mir ist es total wichtig, andere FLINTA*-Artists zu supporten, ihnen Sichtbarkeit zu geben und sie für Bookings vorzuschlagen. Gerade weil ich weiß, wie viele großartige Artists es gibt, die noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Ich freue mich wirklich, wenn ich durch meine Kontakte jemanden weiterbringen kann. Aber es macht für mich einen Unterschied, ob jemand wirklich an einer musikalischen Empfehlung interessiert ist oder einfach noch irgendeine FLINTA*-Person für sein Line-up sucht.

Ich mache selbst Booking und weiß, dass es Zeit kostet, passende Artists zu finden, sich Sets anzuhören und ein musikalisch stimmiges Line-up zusammenzustellen. Aber genau das ist doch der Job. Warum sollte ich diese Recherchearbeit also kostenlos für andere übernehmen, nur weil sie es selbst nicht geschafft haben, über ihr eigenes Netzwerk hinauszuschauen? Ich finde, das kann man 2026 auch einfach mal erwarten.“

Diversität bedeutet auch Eigenverantwortung:

Auch die Wuppertaler Künstlerin und Mitgründerin des Prude-Kollektivs paaradoxx sieht darin eine Frage der Eigenverantwortung. Sie schreibt: „Ich veranstalte seit 2022 selbst und buche ausschließlich FLINTA*-Artists, und mir gehen weder die Ideen noch die Qualität aus. Und auch ich muss mich konstant damit auseinandersetzen, wer so neu am Start ist und auch in unterschiedlichsten Genres. Nur weil ich mich als FLINTA*-DJ definiere, heißt das ja nicht direkt, dass ich alle kenne oder von der Verantwortung befreit bin, mich weiterzubilden.“

Dies ist erst der erste Teil unserer Reportage. In den kommenden Tagen folgen zwei weitere Texte rund um FLINTA* in der elektronischen Musikbranche. Es wird Zeit, dass diese Themen stärker in den Vordergrund rücken – nicht nur in Diskussionen auf Social Media, sondern auch dort, wo über Bookings, Sichtbarkeit und die Zukunft der Clubkultur entschieden wird.

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